Sunday, March 15, 2009

Stimmt's? Dumm gelaufen, Hr. Drösser


Seit Jahren behauptet Mohamed S. El Naschie in den Medien, dass er schon vielfach für den Nobelpreis nominiert wurde. Dabei, so schreibt manch anderer, gibt es solche Nominierungen ja überhaupt nicht. Stimmt's oder stimmt's nicht?


"Mohamed El Naschie ist ein produktiver Kopf, ein erstaunlich produktiver: Mehr als 300 Artikel hat er in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht, vor allem über theoretische Physik."

So beginnt der von Christoph Drösser am 8. Januar 2009 in der ZEIT erschienene Artikel mit der Überschrift "Betrug in der Wissenschaft - Der Felix Krull der Mathematik" (später geändert in "Skurrile Wissenschaft - Der Felix Krull der Mathematik") den ich kurz darauf bei einem morgendlichen Kaffee interessiert las. Vor diesem Tag hatte ich nie etwas von Mohamed S. El Naschie gehört oder gelesen, jedenfalls nichts woran ich mich erinnern konnte.
Dunkel erinnerte ich mich nur daran, dass ich zu Beginn meiner Zeit als Doktorand an Reihen von dubiosen Fachzeitschriften in der Bibliothek meines Instituts vorbeigegangen war. Manche davon nahm ich in die Hand, blätterte darin. Ich suchte nach Werkzeugen und Methoden, die ich für die Doktorarbeit würde nutzen können. Aber all das was ich dort las konnte ich nicht verstehen. Ich schob es auf meinen begrenzten Horizont und machte mich auf die Suche nach etwas, das ich gebrauchen konnte. Neben z.B. einigen Zeitschriften zu Fuzzy-Themen legte ich auch eine kurz durchblätterte Ausgabe von Chaos, Solitons und Fractals mit einem Seufzer zurück in's Regal.

Nun also, Jahre später, las ich diesen Artikel, der meine dumpfen Ahnungen von damals wiederbeleben sollte: Das, was dort kiloweise verfasst, gebunden und in den Regalen einsortiert stand, war großteils nie dazu gedacht, praktische Anwendung zu finden. Es war Unsinn. Augenwischerei, sinnloses Gelaber, unmotivierte Termumformungen, Abschrieb aus Standardlehrbüchern, paraphrasierte Gemeinplätze, numerologische Fingerübungen, kurz: wissenschaftlicher Müll.

Über John Baez schrieb Hr. Drösser:
"Genüsslich nimmt Baez in seinem Internetblog einen Artikel auseinander, in dem El Naschie durch allerlei Zahlenakrobatik einen Zusammenhang herstellt zwischen den 17 Symmetrien, die sich in den Mosaiken der spanischen Alhambra finden, und einem Näherungswert der physikalischen Feinstrukturkonstante.."

So las ich also den ZEIT-Artikel mit Interesse bis zum Ende und suchte gleich danach im Internet nach weiteren Quellen, die ich durchforstete, ungefähr in dieser Reihenfolge:

Das Blog von John Baez: http://golem.ph.utexas.edu/category/
Und insbesondere den Artikel über El Naschie, dessen ursprüngliche Adresse war:
http://golem.ph.utexas.edu/category/2008/11/the_case_of_m_s_el_naschie.html
http://golem.ph.utexas.edu/category/2008/11/the_case_of_m_s_el_naschie_con.html

Kopien davon finden sich hier im Blog. Sehr lesenswert!

Auch las ich im Backreaction Blog:
http://backreaction.blogspot.com/2008/11/chaos-solitons-and-self-promotion.html

Und im Scintilla Blog:
http://scintilla.nature.com/node/579389

Den Nature Artikel natürlich, momentan auch nicht mehr erreichbar:
http://www.nature.com/news/2008/081126/full/456432a.html
Einige Ausschnitte finden sich hier:
http://scienceblogs.com/pontiff/2008/12/nature_on_el_naschie.php
Es gibt Kopien des Artikels im Netz und auch auf meiner Festplatte, falls er nicht bald wieder in seiner ursprünglichen Fassung online gehen sollte.

Und, last but not least, den Scientific American Artikel, der insbesondere für seinen Kommentarteil berüchtigt ist:
http://www.sciam.com/article.cfm?id=the-self-organizing-quantum-universe

Später las ich noch viel mehr, aber das waren so die Artikel, mit denen ich mir einen ersten Eindruck machte. Unfassbar, dachte ich, nachdem ich mich ein wenig informiert hatte. Wie kann Mohamed S. El Naschie glauben, damit durchzukommen? Ist er so dumm? Oder so dreist? Hat er soviel Geld und Macht?

Für mich persönlich Anlass dazu, mich weiter für diese Vorgänge zu interessieren waren insbesondere zwei Dinge: Das Verschwinden der Webseite von John Baez und die unsäglich dreisten, verleumderischen und beleidigenden Beiträge der El Naschie Sprechpuppen auf der SciAm Webseite.
Hätte einer dieser beiden Faktoren gefehlt, hätte ich mich wohl binnen kürzester Zeit von diesem Thema abgewandt.

Am 8. Februar hat Jason als Reaktion auf das Verschwinden des Baez-Artikels die Arbeit mit seinem Blog angefangen.
Seitdem unterstütze ich Jason immer wieder mit Kommentaren und Hinweisen.

"Auch auf vielen arabischsprachigen Webseiten ist die Rede davon, der Gelehrte sei schon mehrmals für den Nobelpreis nominiert worden (dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen)." schrieb Christoph Drösser in seinem Artikel.

Und seit vielen Wochen, seit ich das erste Mal diesen Artikel las, kam ich nie auf die Idee, diese Aussage zu hinterfragen oder zu überprüfen. Warum sollte ich? Eine solch einfache Aussage in einer der renommiertesten Zeitungen Deutschlands. Der Artikel wurde sogar noch einer unfreiwilligen Prüfung unterzogen: er verschwand aus dem Netz nachdem El Naschies Anwälte die ZEIT verklagt hatten, und war einige Tage später wieder verfügbar. Mit Änderungen. Die obige Formulierung wurde nicht verändert. El Naschie bezeichnet sich also als mehrfach nominiert für den Nobelpreis, obwohl es solche Nominierungen überhaupt nicht gibt!
Die Schlussfolgerung aus dieser einfachen Aussage war für mich seither: Nur ein Schuft, ein Dummkopf oder ein Lügner (oder Mischungen daraus) würde solche Behauptungen in den Medien verbreiten, die doch einfach widerlegbar sind: es gibt solche Nominierungen ja überhaupt nicht!

Heute wollte ich einmal aus arabischsprachigen Interviews und Webseiten einige 20-30 Links auf solche Aussagen heraussuchen, vielleicht einen Beitrag für das El Naschie Watch damit schreiben mit der Überschrift "Ist El Naschie ein Lügner?". So lange nun stand dies im Raum und es gab ja noch keinen Artikel dazu. Nur aus Routine, und um Zitate zu suchen, schaute ich im Netz nach, was es mit der Vergabe der Nobelpreise auf sich hat. Und was muss ich lesen: Es gibt Nominierungen. Autsch.

Stimmt's, Herr Drösser? Oder Stimmt's nicht? Da hat aber jemand ordentlich danebengelangt.

Es ist wohl nicht zuviel verlangt, wenn für einen solchen Artikel (der, wie mir bei weiteren Recherchen leider auch auffallen musste, größtenteils aus Internetblogs zusammengestellt wurde) doch wenigstens die Kernaussagen überprüft werden, die sich durch einfaches Googeln sofort nachlesen lassen. Darauf hatte ich mich bei Hr. Drösser verlassen.
Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als ich von der Nominierungspraxis bei den Nobelpreisen las.

Es werden jährlich tausende von Nominierungen für die Nobelpreise entgegengenommen, die dann immer weiter gefiltert werden, bis am Ende nur noch die Preisträger übrig bleiben. Die Nominierten bleiben geheim. Niemand erfährt, wer nominiert wurde, nicht bevor 50 Jahre vergangen sind. Dann, nach Ablauf der Frist, werden die Namen aller Nominierten veröffentlicht. So nachzulesen z.B. auf:
http://nobelprize.org/nomination/ und auf http://nobelprize.org/contact/faq/index.html#1.

Zwar hat mich der ZEIT Artikel überhaupt erst auf die ganze Sache aufmerksam gemacht - wofür ich dankbar bin, denn es handelt sich um einen Skandal, ganz unabhängig von der Sache mit den Nominierungen. Aber er war nicht gut recherchiert. Auch z.B. aus 30% Selbstzitaten dürfen nicht einfach mal eben so 80% werden.

Hätte ich die Nominierungspraxis nicht selbst nachgelesen, wäre hier im Blog an dieser Stelle möglicherweise ein Artikel erschienen, der El Naschie des Lügens bezichtigt. Dieser Artikel hätte ihm wohl eher genützt als geschadet, hätte er doch jedem sagen können: "Sehen Sie selbst, nichts als haltlose Anschuldigungen. Die Schreiber im El Naschie Watch streiten sogar die Existenz der Nominierungen ab, nur um mir mit ihren Lügengeschichten zu schaden."

Von daher: Dumm gelaufen, Hr. Drösser.

So bleibt uns also festzustellen, dass es die Nominierungen gibt. Jedes Jahr derer tausende, und für 50 Jahre wird nicht darüber geredet. Das kommt einem Schelm wie Mohamed El Naschie natürlich sehr gelegen. Fast niemand kann nachweisen, dass er nominiert wurde (ohne Hilfe der Verwalter des Archivs, oder natürlich der Nominierenden) bzw. dass er nicht nominiert wurde.
Dies wird im Fall des Mohamed S. El Naschie für die Öffentlichkeit wohl erst in 40-50 Jahren abschließend geklärt werden können, aller Wahrscheinlichkeit nach wird El Naschie dann nicht mehr mit den Fakten konfrontiert werden können, wie in so vielen Fällen des Wissenschaftsbetrugs.

So kann er also weiter schwadronieren: er sei schon so oft nominiert worden, und es muss wohl mit seinem Namen, seiner Herkunft oder sonstigen Vorurteilen zu tun haben, dass er den Preis bisher noch nicht bekommen hat.

Für das vorletzte Jahr aber weiß ich es besser:
Im Jahr 2007 war nämlich ich für den Physik-Nobelpreis mit viel mehr Stimmen nominiert, als Mohamed El Naschie. Dadurch wurde er schon vor mir ausgefiltert. Leider hatte ich selbst es dann auch nicht geschafft, obwohl ich den Preis sicherlich verdient hätte, wie alle meine Kollegen und Freunde vom Sport bestätigen können.
Es hatte also in diesem Fall allein mit der Stimmenzahl zu tun, und nicht mit der Herkunft oder anderen Gründen.




Translate English to Arabic


محمد النشائي El Naschie Watch محمد النشائي El Naschie News محمد النشائي
محمد النشائي All El Naschie All The Time محمد النشائي

StumbleUpon.com

3 comments:

  1. Well, there are different meanings of 'nomination'. If one says that someone is nominated for the Oscar, then this does not mean that he is one of the hundreds of people whose names have been proposed. It means that you are one of the last five remaining in the run, among which the winner is chosen.
    I guess that it was in this sense that El Naschie made egyptians believe he is a nominee. Without saying that everybody can nominate everyone for the Nobel prize.

    ReplyDelete
  2. Es kann sich sicherlich um Missverständnisse und Schwierigkeiten bei den Übersetzungen handeln. Allein bei der Übersetzung aus dem Arabischen kann alles mögliche passieren. In jedem Fall kann der Sachverhalt dann aber nicht in einem Nebensatz erledigt werden. Durch den Satz "dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen" aus dem Artikel hatte ich stets das Gefühl, dass es so etwas wie eine "Nominierung" beim Nobelpreis gar nicht gibt. Möglicherweise ist dies ja auch ein bedauerliches Problem mit ähnlich lautenden Wörtern im Deutschen und Englischen?
    Hier wären zusätzliche Erläuterungen dringend nötig gewesen. Versteht möglicherweise der eine unter "nominiert sein", unter tausenden von Vorschlägen genannt worden zu sein, so ist es für den anderen gleichbedeutend mit "sich im engsten Kreis der Kandidaten zu befinden".
    In meiner Lesart hat der Satz "dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen" jedenfalls nicht auf solche möglichen Schwierigkeiten hingewiesen.

    ReplyDelete
  3. Es stimmt übrigens nicht, daß jeder einen Nobelpreisträger nominieren kann. Wer sich informiert stellt fest, daß dies nur eine kleine Gruppe wirklich darf, darunter die Mitglieder des Nobelpreiskomitees für ein bestimmtes Fach und ehemalige Nobelpreisträger. Soweit ich weiß darf noch nicht mal jeder Professor nominieren. Zumindest nicht offiziell. Was jemanden wie Herrn El Naschie natürlich nicht daran hindern wird, selbst jedes Jahr einen Brief in den Postkasten nach Stockholm zu werfen, denn so kann er mit Sicherheit behaupten, daß er nominiert wurde.

    Ich persönlich verstehe unter Nominierung übrigens auch, daß die Namen der Ausgewählten möglichen Preisträger vorher öffentlich bekannt gegeben werden. Und solch eine Nominierung gibt es beim Nobelpreis wirklich nicht.

    ReplyDelete